Regression im Zeichen der NS-Diktatur 1933–1945 


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Regression im Zeichen der NS-Diktatur 1933–1945

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6.1 Diskriminierung im Kontext brauner Ideologie

Mit Beginn der dreißiger Jahre, spätestens aber nach 1933, kommt es, mit einer kurzen Pause während des Hitler-Stalin-Paktes, zu gravierenden Verschlechterungen in den politischen und kulturellen Beziehungen beider Völker. Zwar gibt es gewisse Parallelen: neben einem diktatorischen Sozialismus, der Nivellierung der Kultur und Ablehnung alles Avantgardistischen in Kunst und Literatur sind es die Hypostasierung des Führerkultes, der in Deutschland offene, in der Sowjetunion verschleierte Antisemitismus, die Gegnerschaft zum bürgerlichen Kapitalismus des Westens, eine darauf gründende Kontaktpflege im politischen Bereich, gipfelnd im Hitler-Stalin-Pakt. Parallelen zeigen sich auch in der ideologischen Legitimierung. Beide Systeme verstehen sich geschichtsphilosophisch gesehen als Erfüllung im weitesten Sinne sozialer Utopien: der NS-Staat in seinem Verständnis als »Tausendjähriges Reich«, der stalinistische Sowjetstaat als Vollender des Sozialismus. Die damit verbundene Vorstellung von einer durch Gleichheit und Ordnung bestimmten Gesellschaft impliziert ein von den Kategorien Vollendung, Harmonie und Abgrenzung geleitetes Kunstverständnis, das Abweichungen und Innovationen nicht zulassen kann. U. a. dies legitimiert die in beiden Systemen betriebene Verfolgung avantgardistischer Kunst und reflektierender, systemkritischer, kosmopolitisch orientierter Literatur.

Doch es überwiegen die Unterschiede: Im Gegensatz zum NS-Staat verstand sich der Sowjetstaat als Speerspitze gegen den Kapitalismus, erkennbar vor allem in der rigoros vorgenommenen Vergesellschaftung aller Produktionsmittel und der radikalen Reduzierung des Privateigentums. Doch gerade dies war nicht im Interesse der Nationalsozialisten, die ja bereits vor 1933 enge Beziehungen zur deutschen Industrie aufgebaut hatten, und auch die mit Hilfe der Blut- und-Boden-Ideologie begründete Privilegierung der deutschen Bauernschaft stand im diametralen Gegensatz zu der von Stalin brutal durchgesetzten Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion. Auf sowjetischer Seite hatten sich bereits Ende der zwanziger Jahre die Hoffnungen auf eine sozialistische Revolution in Deutschland zerschlagen; die gnadenlose Verfolgung der Kommunisten nach Hitlers Machtergreifung führte Senkung Ü1 auf 44 mm 192  Regression im Zeichen der NS-Diktatur 1933–1945 zu einer deutlichen Verschlechterung der Beziehungen. Ab 1934 schloss die Sowjetunion eine Reihe von Verträgen, um Deutschland außenpolitisch zu isolieren. Auf dem VII. Kongress der Komintern im Sommer 1935 wurde zudem beschlossen, dass die kommunistischen Parteien in Europa auch mit bürgerlichen Parteien im Kampf gegen den Faschismus zusammenarbeiten sollten. Der NS-Staat wurde Gegenstand zahlreicher antifaschistischer Kampagnen, die ihren Höhepunkt nach dem Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion erreichten. Zu einer politischen Eiszeit kam es aber zunächst nicht, da beide Diktaturen partiell gemeinsame machtpolitische Interessen verfolgten, z. B. gegenüber den Westmächten und in Ostmitteleuropa, gipfelnd in der »vierten Teilung« Polens zu Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Deutliche Abgrenzungen gegenüber der Sowjetunion gab es in Deutschland sofort nach Beginn der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten auf ideologischer Ebene. Russische Literatur wird dabei in unterschiedlicher Funktion rezipiert: zum einen, um die rassische Minderwertigkeit ihrer Autoren zu demonstrieren, zum anderen wird sie immer wieder herangezogen, um eigene ideologische Positionen zu untermauern. Letzteres demonstrieren u. a. die erwähnten Schriften von Goebbels und Rosenberg. Nach 1933 wird russische Literatur zunehmend für die Pflege des Feindbildes Bolschewismus instrumentalisiert, einmal mehr charakterisiert mit dem ja bereits mehrfach angesprochenen, in den ersten Dezennien des 20. Jahrhunderts überaus unterschiedlich verwendeten Begriff des Asiatischen, profiliert bereits früh durch rassistische, die Minderwertigkeit der Slaven betonenden Ausfälle gegenüber dem slavischen Osten (z. B. in Hitlers Mein Kampf, 1925), begleitet von restriktiven Maßnahmen gegenüber slavischen Minderheiten wie dem 1937 verfügten »Wendenerlass«. Beides, wie auch die Identifizierung von Bolschewismus und Judentum, Bolschewismus und Russland ist Bestandteil der mit Beginn der Naziherrschaft einsetzenden antisowjetischen Propagandafeldzüge, für die in Goebbels’ »Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda« vor allem die Abteilung »Ost und Antibolschewismus« zuständig war (Rosenfeld 1995, S. 102). Veröffentlicht wurden entsprechende Schriften z. B. in den von Rosenberg herausgegebenen Nationalsozialistischen Monatsheften, wissenschaftlich institutionell abgesichert mit der Gründung entsprechender Forschungseinrichtungen wie der »Nord- und Ostdeutschen Forschungsgemeinschaft«. Bereits bestehende Institutionen und wissenschaftliche Einrichtungen wie die erwähnte »Deutsche Gesellschaft zum Studium Osteuropas« mussten sich gravierende ideologische Vorgaben bzw. Einschränkungen gefallen lassen. Radikal eingeschränkt wurde der wissenschaftliche und kulturelle Austausch; für Reisen von Kulturschaffenden bedurfte es einer gutachterlichen Stellungsnahme der Reichskulturkammer, die meist negativ ausfiel.

All diese Restriktionen betrafen natürlich in besonderer Weise die literarischen Beziehungen. Russische, insbesondre sowjetische Literatur, stand unter dem Generalverdacht des der deutschen Kultur schadenden dekadenten Kulturbolschewismus. Korrespondierend der Argumentation im genannten Idiotenführer durch Senkung Ü1 auf 44 mm Diskriminierung im Kontext brauner Ideologie 193 die russische Literatur wird dieser Generalverdacht z. B. in Rosenbergs Programmschriften Der Mythus des 20. Jahrhunderts und Der Bolschewismus als Aktion einer fremden Rasse (zuerst als »Rede, gehalten auf dem Reichsparteitags-Kongress am 12. September 1935 zu Nürnberg«) damit begründet, dass die russische Literatur eine Literatur der Kranken und Bettler sei, die alle abendländischen Vorstellungen von Kraft, Schönheit, Maß und Harmonie zersetze. Dort, wo man russische Literatur einer intellektuelleren Auseinandersetzung wert erachtete, wurde sie ideologisch instrumentalisiert; das betraf, wie erwähnt, z. B. den von Goebbels und Rosenberg als konservativen Antisemiten gesehenen und in dieser Eigenschaft deshalb durchaus geschätzten Dostoevskij. Beispielhaft demonstriert dies Richard Kappens Studie Die Idee des Volkes bei Dostojewski (1936), in welcher der russische Schriftsteller im Kontext der Blut-und-Boden-Ideologie als Vorläufer einer Besinnung auf das eigene, durch Blut und Rasse geprägte Volkstum vorgestellt wird, als Repräsentant eines Volkes, das einen Gott in sich trägt, der die Welt erobern will (Kappen 1936, S. 59 ff.). Tiefpunkt dieser Entwicklung war die 1941 verfügte Einstellung des Verkaufs russischer Bücher. Zu den in diesem Kontext erfreulichen Tatbeständen gehört es, dass die Elite der deutschen Slavisten in Gestalt von Max Vasmer, Margarete Woltner, Reinhold Trautmann u. a. solchen Tendenzen distanziert bis ablehnend gegenüberstand, sich sogar wie Vasmer aktiv für diskriminierte und verfolgte Kollegen eingesetzt hat. Was die in Deutschland ansässigen Gruppierungen russischer Emigranten betrifft, so wurden sie aufgelöst bzw. im von der Gestapo kontrollierten »Verband russischer Berufsvereine« und im »Verband Russischer kultureller und Wohltätigkeitsvereine« gleichgeschaltet; das betraf auch den »Verband der russischen Journalisten und Schriftsteller«. Das 1933 bis 1944 erschienene publizistische Organ der Verbände, Novoe slovo (Das neue Wort), antisowjetisch, nationalistisch russisch und antisemitisch ausgerichtet, hat keinen substanziellen Beitrag zur Rezeption russischer Dichtung in Deutschland geleistet, auch wenn merkwürdigerweise der erwähnte Übersetzer Arthur Luther bis 1939 als Rezensent mitgewirkt hat (Burchard 2008, S. 302 ff.). Seinem Kollegen Johannes von Guenther wurde übrigens ab 1941 das Übersetzen russischer Literatur untersagt. Unterbrochen wurde die restriktive Kulturpolitik auf beiden Seiten 1939 bis 1941 im Kontext des Hitler-Stalin-Paktes, als in Deutschland Opern von Čajkovskij und Glinka, Dramen von Aleksandr Ostrovskij und Čechov, in der Sowjetunion u. a. Richard Wagners Walküre aufgeführt werden konnten.

 

Hermann Hesse

 

Erstaunlich umfassend, differenziert und innovativ hat Hermann Hesse (1877– 1962) die russische Literatur rezipiert. Er äußert sich nicht nur über Tolstoj und den besonders geschätzten Dostoevskij, sondern auch über Gogol’, Turgenev, Gončarov, Leskov, Gor’kij, Sologub, Korolenko, Andreev, über den russischen Philosophen Vladimir Solov’ev sowie über eine Reihe heute weitgehend unbekannter Autoren wie Osip Dymov u. a.

Noch im hohen Alter bezeichnet er in der Antwort auf eine Anfrage der in New York erscheinenden russischen Exilzeitschrift Experiments vom 4.1.1954 den Einfluss der russischen Literatur auf die westliche als anregend, segensreich und befruchtend, die Bekanntschaft mit ihr als ein »großes Ereignis«. Frühe Briefe aus den neunziger Jahren berichten von eingehender Turgenev- und Korolenko-Lektüre. Zahlreiche Schriften bezeugen eine eingehende Beschäftigung mit russischen Autoren zu Beginn des neuen Jahrhunderts. »Denn was gäbe es in unserer geistigen Welt Schöneres, Lebendigeres, Mächtigeres als die russische Dichtung seit hundert Jahren!« heißt es in einer Rezension zur erwähnten Russischen Literaturgeschichte in Einzelporträts von Alexander Eliasberg (1922; die Rezension zuerst in der Zeitschrift Wissen und Leben, 1922). Eine 1919 vorgenommene »Bücherprobe«, bei der es darum ging, Entbehrliches aus der eigenen Bibliothek auszusondern, berichtet davon, dass »bei den Russen […] fast alles stehen« blieb (Eine Bücherprobe, in der Zeitschrift Der Bücherwurm); in eine exklusive Bibliothek der Weltliteratur (1927) werden zwar nicht der ›unübersetzbare‹ Puškin, aber Gogol’ (Die toten Seelen und kleine Erzählungen), Turgenev (Väter und Söhne), Gončarov (Oblomov), Tolstoj (Krieg und Frieden, Anna Karenina, Volkserzählungen) und Dostoevskij (Die Brüder Karamazov, Verbrechen und Strafe, Der Idiot) eingereiht. In einer Kurzrezension zum Werk des dänischen Erzählers Herman Bang konstatiert er 1920 (in der Zeitschrift Vivos voco) einen desolaten Zustand der europäischen Literatur während der vergangenen Jahrzehnte, »mit Ausnahme Rußlands«.

Hesse hat diese Literatur nicht nur aus der Perspektive des Dichters wahrgenommen, sondern seit seinen Jugendjahren mit ihr gelebt, die Auseinandersetzung mit ihr ist Bestandteil der langwierigen, oft quälenden Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich. Bereits das seit 1904 gemeinsam mit seiner ersten Ehefrau Maria Bernoulli in Gaienhofen am Bodensee praktizierte, von Bedürfnislosigkeit und Streben nach Naturnähe geprägte einfache Leben ist eine u. a. an Tolstoj orientierte, bewusst gewählte Existenzform. Und die zehn Jahre später beginnende psychoanalytische Erforschung der eigenen Persönlichkeit geschieht im Kontext einer eingehenden Dostoevskij-Lektüre, die ihn sein Leben lang begleiten wird. Im sowohl von Sigmund Freud als auch von C. G. Jung positiv aufgenommenen Artikel Künstler und Psychoanalyse (in der Frankfurter Zeitung vom 16.7.1918) heißt es, dass von den Künstlern Dostoevskij der Seelenanalyse am nächsten stehe. Lange vor Freud sei er intuitiv nicht nur dessen Weg gegangen, sondern habe dessen Technik und Praxis in Ansätzen angewandt. Und der ein Jahr später erschienene Beitrag Die jüngste deutsche Dichtung (in der Zeitschrift Wissen und Leben) sieht den russischen Dichter neben Nietzsche als ›Vorläufer der neuen Psychologie‹. In Hesses Werk finden sich zahlreiche und sprachlich unterschiedliche Reaktionen auf die russische Literatur: in Gestalt der erwähnten autobiographischen Äußerungen ebenso wie in Rezensionen, Artikeln, Essays und fiktionalen Texten.

 



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